1. Was bedeutet AuDHS?
Der Begriff „AuDHS“ stammt nicht aus den offiziellen Diagnosemanualen. Er wird vor allem in der Neurodiversitäts-Community verwendet und beschreibt das gleichzeitige Vorliegen von:
- Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
In der Forschung wird stattdessen von „Ko-Okkurrenz“ oder „Komorbidität“ gesprochen.
- 30–80 % der autistischen Menschen erfüllen auch die Kriterien für ADHS [1]
- 20–50 % der Kinder mit ADHS zeigen autistische Merkmale [1]
- Bei Erwachsenen mit ADHS zeigen rund 44,8 % klinisch relevante autistische Traits
AuDHD gehört damit zu einer häufigen neurodevelopmentalen Überschneidung.
1.1 Prävalenz: Datenlage in Deutschland
Für Deutschland bestehen weiterhin Lücken:
- keine verlässlichen Prävalenzdaten zu AuDHS
- begrenzte Daten zur Autismus-Prävalenz insgesamt
- erschwerte Erfassung durch ICD-10-Kodierung
Schätzungen deuten darauf hin, dass etwa 1–2 % der Kinder und Jugendlichen betroffen sein könnten – belastbare Zahlen fehlen jedoch! [22]
Warum gibt es bisher kaum AuDHS Diagnosen?
2. Diagnostik
Während im ICD-10 die Doppeldiagnose formal ausgeschlossen ist sie international bereits anerkannt:
- DSM-5 (seit 2013): erlaubt
- ICD-11 (seit 2022): erkennt die Ko-Okkurrenz ausdrücklich an
Da in Deutschland noch nach ICD-10 kodiert wird führt in der Praxis zu einem Spannungsfeld:
- Klinisch können beide Bedingungen vorliegen
- Formal wird oft nur eine Diagnose kodiert
Für Betroffene kann das Auswirkungen haben, z. B. bei:
- Therapieplanung
- Kostenübernahme
- Nachteilsausgleichen
Symptome von ADHS & Autismus
Die Grafik bildet folgendes ab:
- Dunkelgrün: Diagnosekriterien für Autismus nach offiziellen Manualen (ICD-10, DSM-5)
- Rosa: Diagnosekriterien für ADHS nach offiziellen Manualen (ICD-10, DSM-5)
- Grau: Symptome, die Betroffene häufig beschreiben, die teilweise vorkommen können, aber keine offiziellen Diagnosekriterien sind. Einige davon kommen nur bei ADHS oder nur bei Autismus vor, häufig überschneiden sich jedoch Symptome und kommen in beiden Störungen vor.
Ein Mensch mit AuDHS würde sowohl Kriterien aus dem Autismus-Spektrum erfüllen (Dunkelgrün), als auch Kriterien der ADHS (Rosa) erfüllen.
Ein knappe Zusammnefassung der Diagnosen (keinesfalls vollumfänglich!):
Diagnosekriterien ADHS:
Seit mindestens 6 Monaten deutliche Probleme mit Aufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität. Beginn vor dem 12. Lebensjahr, in mehreren Lebensbereichen und mit spürbarer Beeinträchtigung.
Diagnosekriterien Autismus:
Anhaltende Besonderheiten in sozialer Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte, repetitive oder sehr unflexible Verhaltensweisen und Interessen. Beginn in der Entwicklung und deutliche Beeinträchtigung im Alltag.
Ähnliche Symptome, unterschiedliche Ursachen
Beide Gruppen können Schwierigkeiten mit sozialen Beziehungen, Aufmerksamkeit, Organisation, Emotionsregulation und Reizverarbeitung haben [3,4,10–13]. Die Mechanismen unterscheiden sich jedoch häufig:
- Bei ADHS entstehen soziale Probleme eher durch Impulsivität, Ablenkbarkeit oder Unterbrechen [5,6].
- Bei Autismus stehen eher Schwierigkeiten mit intuitiver sozialer Kommunikation, Gegenseitigkeit und dem Verstehen sozialer Regeln im Vordergrund [6,7].
- Menschen mit ADHS können meist soziale Signale erkennen, reagieren aber möglicherweise zu schnell [2,5,6].
- Autistische Menschen haben häufiger Schwierigkeiten, Signale überhaupt intuitiv zu erfassen oder flexibel darauf zu reagieren [6–9].
Auch exekutive Funktionen sind bei beiden betroffen [10]. Bei ADHS stehen eher Hemmung, Arbeitsgedächtnis und dauerhafte Aufmerksamkeit im Vordergrund, bei Autismus eher kognitive Flexibilität und Perspektivwechsel [14,7–10]. Bei AuDHD können sich diese Schwierigkeiten verstärken [14,10].
Diagnostische Besonderheiten
Die Diagnostik von AuDHD ist anspruchsvoll und erfolgt in mehreren Schritten:
- Entwicklungsanamnese (insbesondere Kindheit)
- standardisierte Interviews und Fragebögen
- neuropsychologische Testverfahren
- Abgrenzung zu anderen Störungsbildern
Ein zentrales Thema ist dabei die sogenannte Differentialdiagnostik, z. B. gegenüber:
- Traumafolgestörungen (k-PTBS)
- (Borderline-) Persönlichkeitsstörung
Symptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder emotionale Dysregulation können in verschiedenen Kontexten auftreten und müssen sorgfältig eingeordnet werden!
3. Gemeinsame Ursachen
Die hohe Überschneidung zwischen ADHS und Autismus lässt sich teilweise genetisch erklären.
- ADHS hat eine Heritabilität von etwa 76 % [16], Autismus sogar auf >90% geschätzt [17].
- Studien zeigen eine signifikante genetische Überlappung beider Störungsbilder.
- Familiäre Häufungen treten häufiger auf als zufällig zu erwarten wäre.
Gleichzeitig gibt es auch Unterschiede:
- ADHS ist stärker mit Impulsivität und Belohnungsverarbeitung verbunden.
- Autismus eher mit sozialer Kognition und sensorischer Verarbeitung.
4. Masking: Warum AuDHS lange unerkannt bleibt
Ein wesentlicher Faktor in der Diagnostik ist das sogenannte Masking (Camouflaging).
Darunter versteht man:
- das bewusste oder unbewusste Anpassen des eigenen Verhaltens
- das Imitieren sozial erwarteter Muster
- das Unterdrücken auffälliger Verhaltensweisen
Bei AuDHS ist das besonders komplex, da unterschiedliche Symptome gleichzeitig kompensiert werden.
Die Folgen:
- Symptome sind im Alltag oder in der Diagnostik weniger sichtbar
- Diagnosen werden verzögert oder nicht gestellt
- insbesondere Frauen sind häufiger betroffen
Langfristig kann Masking mit erhöhter Erschöpfung und psychischer Belastung einhergehen.
Die Behandlung sollte immer multimethodal erfolgen!
5. Behandlung: Was gilt als wirksam?
Empfohlen wird eine Kombination aus:
- Verhaltenstherapie
- Psychoedukation
- Anpassung des Umfelds (z. B. Reizreduktion, Struktur)
- Training von Alltags- und Selbstregulationsstrategien
Ein einzelner Ansatz reicht in der Regel nicht aus, da beide Störungsbilder berücksichtigt werden müssen.
5.1 Medikamentöse Unterstützung
Medikamente können ADHS-Symptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität reduzieren. Sie behandeln jedoch nicht die Kernmerkmale von Autismus.
ADHS-Medikation zeigt auch bei AuDHD teilweise vergleichbare Effekte wie bei ADHS ohne Autismus
- Nach der aktuellen Datenlage kann Methylphenidat auch bei AuDHS wirksam sein.
- Die Reaktion ist teilweise variabler als bei Menschen mit ADHS ohne Autismus.
- Nebenwirkungen können zudem häufiger auftreten [18,19–21].
Bei AuDHS wird häufig ein vorsichtiges Vorgehen empfohlen: mit einer niedrigen Dosis beginnen, langsam steigern und Wirkung sowie Nebenwirkungen eng kontrollieren.
Wenn ADHS und Autismus in dir zu verschiedenen Bedürfnissen führen.
5.2 Besondere Herausforderungen
In der Praxis ergeben sich oft widersprüchliche Anforderungen:
- Struktur und Routinen können stabilisieren (Autismus)
- gleichzeitig besteht ein Bedürfnis nach Abwechslung (ADHS)
Oder:
- hohe Reizempfindlichkeit (Autismus)
- bei gleichzeitiger Suche nach Stimulation (ADHS)
Deshalb ist eine individuell angepasste Herangehensweise entscheidend.
5.3 Unser Ansatz: Verständnis & Umsetzung
Wir arbeiten nicht mit pauschalen Tipps. Denn die helfen oft nur kurzfristig – oder passen gar nicht richtig zu Deiner Situation.
Stattdessen geht es darum, zu verstehen: Was passiert bei Dir eigentlich genau – und warum?
Darauf baut alles Weitere auf.
Unser Ansatz folgt dabei einem klaren Prozess:
- Wir schauen uns Deine individuellen Muster und Symptome an
- Wir übertragen das auf konkrete Arbeitssituationen (zum Beispiel Meetings, Feedbackgespräche oder Zeitdruck)
- Und wir entwickeln Strategien, die im Alltag tatsächlich umsetzbar sind
Wie wir bei den DragonRiders arbeiten
Die DragonRiders Akademie verbindet wissenschaftlich fundierte Ansätze mit der konkreten Realität im Arbeitsalltag. Tiefenpsychologie trifft auf Verhaltenstherapie: Wir kombinieren wertvolle Elemente verschiedener Psychotherapieschulen und bringen sie ins Coaching mit ein.
Unser Fokus liegt auf Neurodivergenz im beruflichen Kontext – und damit auch auf der Frage: Wie kann Selbststeuerung unter realen Bedingungen gelingen?
Realistische Entwicklung statt schneller Lösungen
Wir arbeiten bewusst ohne überzogene Versprechen.
Veränderung entsteht nicht über Nacht.
Und genau das ist wichtig zu verstehen.
Denn nachhaltige Entwicklung braucht:
- ein klares Verständnis passende,
- individuelle Strategien
- und vor allem: Anwendung im Alltag
Wenn das zusammenkommt, können Schritt für Schritt mehr Stabilität, mehr Klarheit und ein größerer Handlungsspielraum im Alltag entstehen.
Gleichzeitig ist AuDHS eine neurobiologische Veranlagung, die meist ein Leben lang besteht. Veränderung ist daher nur in einem gewissen Rahmen möglich. Es geht immer auch um Akzeptanz neurodivergenter Unterschiede und um den Blick auf die Stärken, die jeder Mensch mit sich bringt.
Wir bei DragonRiders arbeiten auch viel mit Stärken!
5.4 Stärken von Menschen mit AuDHS
Menschen mit AuDHS können sehr unterschiedliche Stärken haben. Sie entstehen nicht automatisch durch die Diagnose und treffen nicht auf alle Betroffenen zu. Häufig genannt werden jedoch:
- Intensive Interessen und tiefes Fachwissen: Viele können sich sehr gründlich in Themen einarbeiten, die sie interessieren.
- Kreativität und ungewöhnliche Lösungswege: Die Verbindung aus schnellem, assoziativem Denken und detailorientierter Wahrnehmung kann neue Ideen fördern.
- Starke Mustererkennung: Zusammenhänge, Fehler oder Unstimmigkeiten werden teilweise besonders schnell erkannt.
- Hyperfokus: Bei hoher Motivation kann über längere Zeit sehr konzentriert und produktiv gearbeitet werden.
- Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn: Manche Menschen mit AuDHS reagieren besonders sensibel auf Ungleichbehandlung oder unfaire Regeln.
- Ehrlichkeit und Direktheit: Kommunikation kann klar, authentisch und wenig von sozialen Erwartungen geprägt sein.
- Begeisterungsfähigkeit: Neue oder besonders interessante Themen können viel Energie und Motivation auslösen.
- Analytisches Denken: Komplexe Systeme, Abläufe oder Sachverhalte werden häufig detailliert betrachtet.
- Empathie auf individuelle Weise: Auch wenn soziale Signale manchmal schwer zu erkennen sind, können Betroffene sehr mitfühlend, loyal und aufmerksam gegenüber anderen sein.
- Ausdauer und Anpassungsfähigkeit: Viele entwickeln durch langjährige Herausforderungen kreative Strategien, hohe Selbstbeobachtung und Belastbarkeit.
Wichtig ist, diese Eigenschaften nicht zu romantisieren. Eine Stärke kann je nach Situation auch zur Belastung werden: Aus Hyperfokus kann Erschöpfung entstehen, aus Detailorientierung Perfektionismus und aus einem starken Gerechtigkeitssinn Konfliktbelastung. Entscheidend ist daher, ob das Umfeld zu den individuellen Bedürfnissen passt.
Gemeinsam können wir mit dir daran arbeiten einen gesunden Umgang mit deinem AuDHS zu finden!
6. Zusammenfassung: Das Wichtigste auf einen Blick
AuDHS beschreibt eine häufige und klinisch relevante Kombination von ADHS und Autismus.
Die Forschung zeigt:
- gemeinsame genetische Grundlagen
- stärkere funktionale Belastung
- gute Behandelbarkeit bei passender Unterstützung
Gleichzeitig bestehen weiterhin Herausforderungen:
- diagnostische Komplexität
- Unterdiagnostik, insbesondere bei Frauen
- strukturelle Einschränkungen im Versorgungssystem
Für die Praxis bedeutet das:
Eine differenzierte Diagnostik und ein integrierter Behandlungsansatz sind entscheidend.
Autor*innen:
Maren Hess, Katrin Siemens & Axel Konrad
7. Quellen
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Disclaimer:
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